Nachruf Josef „Sepp“ Piontek (05.03.1940–18.02.2026)
„Der Kommandant von Klein Haiti“ – so betitelte Das „Hamburger Abendblatt“ im Jahre 2010 ein launiges Porträt über Josef Emanuel Hubertus Piontek. Und bezog diese Headline auf Äußerungen Pionteks über seine Tätigkeiten als Auswahltrainer Haitis von 1976 bis 1978 und als Chefcoach beim FC St. Pauli in der Saison 1978/79: Disziplin und gleichzeitig Lockerheit seien dort in der Karibik für ihn notwendige Attribute gewesen. „Wenn du Nationaltrainer von Haiti bist, lernst du automatisch mit Defiziten und wirklich ganz schwierigen Verhältnissen zu leben. Und oftmals kannst du dann gar nicht anders, als es voller Spaß zu nehmen.“ Da kam Piontek dann 1978, als er für ein Jahr zum FC St. Pauli wechselte, quasi vom Regen in die Traufe und bezeichnete den FC zu jener Zeit, auch ein wenig scherzhaft, als sein „Klein Haiti“ – er wird schon wissen, warum.
Der in Breslau – heute Wroclaw – in Polen geborene Piontek wuchs im Emsland auf und begann seine Spielerkarriere beim VfL Germania Leer und lief in der ersten Bundesligasaison 1963 als Abwehrspieler für Werder Bremen auf. Bis 1972 blieb er im Stadtstaat als Spieler aktiv, wurde dort DFB-Pokalsieger, Deutscher Meister, sowie sechsfacher A-Nationalspieler, einfacher B-Nationalspieler und dreifacher U23-Auswahlspieler. Danach übernahm Sepp Piontek den Trainerjob dort an der Weser. 1975 schließlich holte ihn Fortuna Düsseldorf für eine Saison auf die Trainerbank, 1976 ging Piontek erstmals ins Ausland, übernahm für zwei Jahre die Nationalelf Haitis.
Nach St. Paulis Abstieg aus dem Oberhaus 1978 holte die Vereinsführung unter Präsident Ernst Schacht Piontek als Nachfolger vom auch erst kürzlich im November verstorbenen Diethelm Ferner ans Millerntor, um eine neue schlagkräftige Truppe zu formen. Der begehrte Coach hatte 1978 zwar auch ein Angebot, als Auswahltrainer Fidschis einzusteigen, entschied sich aber für Hamburg. Allerdings waren nach wichtigen Abgängen und wenigen Neuverpflichtungen die Voraussetzungen am Millerntor nicht gerade die günstigsten. Auch darum holte Piontek im Laufe der Saison seinen ehemaligen haitianischen Nationalspieler Frantz Mathieu zusätzlich ins Kiezteam. Sportlich blieb die Spielzeit 1978/79 mit einem sechsten Platz zwar im Erwartbaren, doch nach der Lizenzverweigerung und dem einhergehenden Zwangsabstieg in die Amateuroberliga Nord 1979 musste der Pfeifenraucher den FC St. Pauli nach 38 Zweitliga- und 2 DFB-Pokalspielen auch schon wieder verlassen.
Unmittelbar danach wurde Piontek 1979 Nationaltrainer Dänemarks und führte die bis dahin nahezu unbedeutende Fußballnation in die europäische und zeitweise sogar Weltspitze des Fußballs. Höhepunkte seiner Karriere waren das Erreichen des EM-Halbfinales 1984 sowie zwei Jahre später der Sprung ins WM-Achtelfinale. 1990 wechselte der Begründer von „Danish Dynamite“, das den Nordeuropäern 1992 den EM-Titel bescherte, in die Türkei, wo er ähnlich erfolgreich die Nationalelf vom Bosporus auf Vordermann brachte. Später trainierte Piontek unter anderem noch Spitzenteams in Dänemark, sowie ab 2000 die Nationalmannschaft Grönlands.
Was kaum jemand weiß: Eigentlich war der seinerzeit von DFB-Chef Hermann Neuberger empfohlene Sepp Piontek in Dänemark zunächst nur dritte Wahl, denn sowohl Trainerlegende Hennes Weisweiler als auch St. Paulis Ex-Vizepräsident (1987-1988) Helmuth Johannsen sah man als geeignetere Kandidaten an. Wie sehr die mutmaßlichen Experten sich irren sollten, belegte nicht nur Josef Pionteks Erfolg mit dem dänischen Nationalteam, sondern auch die Tatsache, dass Piontek schon zuvor als Wunschkandidat Neubergers auf die Nachfolge Franz Beckenbauers für die Deutsche Nationalmannschaft galt. Wunschkandidat als Nachfolger von Horst Wohlers als Cheftrainer am Millerntor soll im Oktober 1991 Piontek auch noch gewesen sein – man soll sich sogar schon einig gewesen sein –, doch letztlich hielt man an Wohlers fest und verzichtete auf Pionteks Dienste. Ein halbes Jahr später löste Josef „Seppo“ (sic!) Eichkorn Wohlers ab.
Josef „Sepp“ Piontek starb kurz vor seinem 86. Geburtstag nach kurzer Krankheit am 18. Februar in seiner Wahlheimat Dänemark.
Text: Ronny Galczynski/Foto: Witters